Die Glocke in Literatur und Dichtung

Mit der größten Glocke Chinas und wohl auch einer der schönsten, sie hat eine Höhe von etwa 6 m und wiegt ca. 60 t (sie hängt im buddhistischen Glockentempel Ta Chung Ssu nahe Peking), ist eine ergreifende und zugleich tragische Sage verbunden:

"Der Guß dieser Rießenglocke war dem Glockengießer bereits mehrmals mißlungen. Deshalb befahl Kaiser Yung Loh (um 1400), daß bei nochmaligem Fehlguß der Glockengießer zu töten sei. Als die Tochter vom drohenden Geschick ihres Vaters erfuhr, ging sie in den Tempel, um zu beten und bei einem Astrologen um Rat zu bitten. Dieser sagte ihr, daß der Glockenguß nur dann gelingen könne, wenn beim Glockenguß der glühenden Bronze das Blut einer Jungfrau beigemischt werde.
Als die Glocke nun abermals gegossen wurde, sprang des Glockengießers Tochter vor den Augen des verzweifelten Vaters in das glühende Metall. Als die Glocke aus der Form kam,  war sie äußerlich ohne Makel gegossen, hatte aber nach Volkes Stimme einen wimmernden, ja weinerlichen Ton. Beim tödlichen Sprung in die glühende Bronze hatte die Tochter des Glockengießers nämlich einen Schuh verloren. Die chinesische Volksseele glaubt nun, im weinerlichen Ton der Glocke das Seufzen der Tochter des Glockengießers nach ihrem verlorenen Schuh zu hören."

Der Dichter Po-Chü-i schreibt ein Gedicht über Kaiser Hsüan-tsung (1713-1756), der vor meuternden Soldaten ins O-mei-Gebirge flüchtet.

"In den Tälern des O-mei-Gebirges wandern ganz
wenige. Die Banner flattern traurig
in den Strahlen der sinkenden Sonne...
Als der Mond aufstieg über dem fahrbaren Palast,
sah er mit Kummer darauf.
Als Regentropfen des Nachts die Glocken der Tiere bewegten, gab es einen herzzerbrechenden Klang ..."

John Donne, englischer Lyriker, formulierte einen der wohl eindringlichsten Gedanken zur Glocke im Jahre 1624. Ernest Hemingway hat diesen Gedanken seinem 1940 erschienenen Roman "Wem die Stunde schlägt" vorangestellt.

Kein Mensch ist eine Insel im Innern seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen; wenn ein Brocken Erde von der See hinweggeschwemmt wird, wird Europa um so kleiner, wie ein Vorgebirge kleiner würde, auch wie ein Landgut deiner Freunde kleiner würde oder dein eigenes; jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre. Und darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt, sie schlägt für dich.

Heinrich Heine

Ein sehr poetisch-romantisches Gedicht. Daß Heine auch ganz anders über Glocken schreibt, lesen wir in "Deutschland. Ein Wintermärchen."

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling´ hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag´, ich laß´ sie grüßen.

Eduard Mörike

Der Cleversulzbacher Pfarrer verlieh mit zarter Poesie dem Morgenläuten seine ganz eigene Bedeutung:

Ängste, quäle
Dich nicht länger meine Seele!
Freu dich! Schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Conrad Ferdinand Meyer

formuliert in seinem "Lutherlied" in der letzten Strophe:

In Freudenpulsen hüpft das Herz,
in Jubelschlägen dröhnt das Erz,
kein Tal zu fern, kein Dorf zu klein,
es fällt mit seinen Glocken ein -
"Ein feste Burg" - singt jung und alt,
der Kaiser mit der Volksgewalt:
"Ein feste Burg ist unser Gott,
dran wird der Feind zu Schand und Spott.

Christian Morgenstern

Glockentönin Bim
Bim, Bam, Bum
Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als hätt'  er Vogelflügel,
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.
Er sucht die Glockentönin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d.h. die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nämlich betrogen.
"O komm", so ruft er, "komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein BAM liebt dich von Herzen!"
Doch BIM, daß ihr's nur alle wißt,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.
Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

Johann Wolfgang von Goethe

In Goethes Faust ist für Mephisto die Glocke das Ärgernis schlechthin:

(Dialog Faust - Mephisto)

"Jedem edlen Ohr
kommt das Geklingel widrig vor,
und das verfluchte Bim-Bam-Bimmel
Umnebelnd heiteren Abendhimmel
mischt sich in jegliches Begebnis
vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
als wäre zwischen Bim und Baum
das Leben ein verschollner Traum."

Im Gegensatz dazu steht Fausts Dialog mit den Glocken, in dem sich seine Erinnerung, das Gestern und das Heute unversöhnlich gegenüberstehen. Und Goethe läßt Faust philosophieren:

"Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."

Und etwas später fährt er fort:

Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder."

Wilhelm Müller (1794-1817)

Vineta (die versunkene Stadt).

Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen, alten Wunderstadt.
In der Fluten Schoß hinabgesunken
Blieben unten ihre Trümmer steh´n.
Ihre Zinnen lassen gold'ne Funken
Widerscheinend auf dem Spiegel seh'n.
Und der Fischer, der den Zauberschimmer
Einmal sah im hellen Morgenrot,
Nach derselben Stelle schifft er immer,
Ob auch ringsumher die Klippe droht.
Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde
Klingt es mit wie Glocken dumpf und matt.
Ach, sie geben wunderbare Kunde
Von der Liebe, die geliebt es hat.
Eine schöne Welt ist da versunken
Ihre Trümmer blieben unten steh'n,
Lassen sich als gold´ne Himmelsfunken
Oft im Spiegel meiner Träume seh'n.
Und dann möcht' ich tauchen in die Tiefen,
Mich versenken in den Widerschein
Und mir ist, als ob mich Engel riefen
In die alte Wunderstadt hinein.

Theodor Fontane

Glockenlieder

I

Der Glocke feierliche Klänge
Ertönen mächtig durch die Luft,
Zur Kirche wallt die gläubige Menge,
Wie wenn sie Gottes Stimme ruft.
Der Turm erbebt, die Töne brausen
Wie Sturmwind in der Felsenkluft;
Jetzt möcht' ich auf der Glocke sausen
In wildem Fluge durch die Luft;
Und tönt es dann - gewaltger klingend -
Gottpreisend aus der Glocke Mund,
Da glaubt' ich fester sie umschlingend,
Die eigne Seele gäb' ich kund.

II

Werden einst sie mich begraben,
Wird kein Auge trübe sein,
Kein Gefolge werd'  ich haben,
Selbst zum Grabe gehen allein.
Sei's! anstatt des Volkes Menge
Wählt' ich mein Geleite schon,
Folgen werden Glockenklänge,
Schritt vor Schritt, mit ernstem Ton.
Nur die Glocke wird ertönen,
Trauern nur ihr Eisenherz;
Aber ihre Klänge höhnen,
Heucheln nie den wahren Schmerz.
Stürmen wird sie - mich zu ehren -,
Wenn ich schon zur Ruh' gebracht,
Wie die Salve von Gewehre
Über Kriegergräber kracht;
Und ihr tiefer Kummer dauert
Ewig wie der Mutterschmerz;
Meine Glocke tönt und trauert,
Bis ihr bricht das Eisenherz.

Bob Dylan

Chimes of Freedom - Glocken der Freiheit

Die Sonne war untergegangen, die Mitternacht war noch fern
Ein Gewitter brach los, wir flüchteten uns ins Trockene
Als majestätische Glocken-Blitze die Schatten der Nacht durchzuckten
Sie schienen uns wie leuchtende Freiheitsglocken.
Sie leuchten für die Krieger, die sich versagten jeder Schlacht
Leuchten für die wehrlosen Flüchtlinge, die man verjagt
Und für jeden besiegten Soldaten in der Nacht
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.
Sie läuten für die Rebellen, läuten für die Entlassenen
Läuten für die Glücklosen, Verbannten, Verlassenen
Läuten für den Ausgestoßenen, den alle haßten
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.
Sie erklingen für die Schwachen, die gebrechlichen Kranken
Sie klingen für Wächter und Beschützer der Gedanken
Für den vergessenen Maler, dessen Werke versanken
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.
Für die Tauben und Stummen und für die Blinden
Für die alleinstehende Mutter, die sie als Hure empfinden
Für den verurteilten Sträfling, den sie verfolgen und schinden
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.
Sie leuchten den stummen gläubigen Suchern auf ihrem einsamen Weg
Den verlassenen Geliebten, die Schmerz und Leid bewegt
Und jeder harmlosen zarten Seele, die man in Ketten gelegt
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.
Wir lauschten ein letztes Mal und warfen einen letzten Blick
Überwältigt und verzaubert, bis die Glocken verklangen.
Sie läuten für die Verletzten, die nichts und niemand heilt
Für die Verirrten, Verwirrten und jeden, der ein ähnliches Schicksal teilt
Und für jeden verzweifelten Menschen auf der ganzen weiten Welt
Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.

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Publikationsdatum dieser Seite: 03.08.2018 16:31